"Vertrauen bekommst du geschenkt, es braucht nicht erarbeitet zu werden." (Theodor Dierk Petzold)
Was ist Salutogenese?
Der Begriff Salutogenese verbreitet sich immer mehr: Nicht nur in der medizinisch-therapeutischen Praxis, auch im Gesundheitsmanagement und in Organisationen wird der Fokus auf Stimmigkeit/Kohärenz hin immer wichtiger.
Salotugenese in der therapeutischen Praxis richtet den Blick darauf, wie Gesundheit entsteht: lateinisch Salus = Unverletztheit, Heil, Glück; griechisch Genese: Entstehung, Entwicklung.
Bisher ist die pathogenetische Sichtweise weit verbreitet. Sie legt den Fokus auf die Krankheit und deren Bekämpfung. Salutogenese ist der Gegenpol und eine sinnvolle Ergänzung dazu. Zudem ist Salutogenese noch viel mehr: Sie betrachtet Gesundheit nicht als absoluten Zustand. Der Mensch bewegt sich kontinuierlich zwischen krank und gesund. Indem er immer wieder Stimmigkeit herstellt, entwickelt er sich in Richtung Heilung.
Salutogenese bezieht sich nicht nur auf die körperliche Gesundheit. Sie betrachtet den ganzen Menschen in seiner körperlichen, sozialen, kulturellen und spirituellen Dimension. Sie geht davon aus, dass neben Krankheit immer auch gesunde, stimmige Anteile in einem Menschen zu finden sind. Salutogenese holt diese stimmigen Anteile ins Blickfeld und fördert so die Selbstheilungskraft des Individuums sowie der Systeme.
Beginn der Salutogenese
Der Begriff Salutogenese wurde von Aaron Antonovsky in den 1970er Jahren begründet. Er war amerikanisch-israelischer Medizinsoziologe und Stressforscher. Er entdeckte bei einer Untersuchung von KZ-Überlebenden, dass Stress nicht nur krank macht, sondern auch stärken kann. Dabei spielten folgende Faktoren eine maßgebliche Rolle:
- Verstehbarkeit: wenn eine Belastungssituation nachvollzogen werden kann
- Handhabbarkeit: wenn ein Mindestmaß an Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit erhalten bleibt
- Bedeutsamkeit: wenn ein Sinn oder Wichtigkeit im Handeln und im Dasein erkennbar ist
Gelingt es uns diese drei Bedingungen in unser Leben zu integrieren, entsteht ein Gefühl von Kohärenz oder Stimmigkeit (SOC = sense of coherence). Sie ist der zentrale Faktor für die Entstehung und die Erhaltung körperlicher und psychischer Gesundheit.
Was ist Salutogene Kommunikation – SalKom®?
Auf Basis Antonovskys hat der Arzt Theodor Dierk Petzold die SalKom®-Methode entwickelt. Dabei steht der Wortteil "Sal" für Salutogenese und "Kom" für Kommunikation. Bei der SalKom®-Methode geht es darum, durch Kommunikation die gesunde Selbstregulation anzuregen.
Ein SalKom®-Berater, -Coach oder -Therapeut hat einen Werkzeugkasten an Tools, durch die er z.B. mit gezielten Fragestellungen die Selbstregulationsfähigkeit bei seinem Gegenüber anregt. Ein klar formulierter Beratungsauftrag, der mitunter gemeinsam erarbeitet wird, fördert die Intention. Das ist eine wichtige Voraussetzung für diesen kreativ kooperativen Beratungsprozess, in dem sich der Klient seinen Zielen und Wünschen annähern kann.
Wir selbst sind immer wieder über diesen kokreativen Prozess positiv erstaunt und fasziniert und sind von der SalKom®-Methode überzeugt. Es geht um folgende Ansätze:
- lösungsorientiert
- systemisch
- bedürfnisorientiert
- neurobiologisch erklärbar
- wissenschaftlich fundiert
Bei der SalKom®-Methode geht es sozusagen um einen Schlüssel zu mehr Stimmigkeit, im Kleinen wie im Großen. Diese Methode kann in einer Klient-Therapeut-Beziehung ebenso wirken, wie in einer Coachingsitzung oder in Lehrtätigkeiten.
Wesentliche Inhalte der SalKom® sind:
- Stimmigkeit und Kohärenz
- Intention und Kooperation
- das attraktive Ziel
- Annäherungs- und Abwendungssystem
- implizite und explizites Wahrnehmen
- Gefühle und Bedürfniskommunikation
- Sinnstiftung und Vertrauensbildung
- Lebensdimensionen
- Phasen der Selbstregulation: wahrnehmen, handeln, reflektieren
- Die Sucht beenden: Dopamin und Serotonin
- Fähigkeiten und Ressourcen
- aus Scheitern lernen
- salutogene Gesprächsführung
- Ich-Zustände
- Umbewertung
- Das Dramadreieck und der Ausstieg
- Stressregulierung
Hier eine Sendung von Theodor Dierk Petzold
An dieser Stelle bringen wir Herrn Petzold unsere Wertschätzung entgegen. Jahrzehntelang hat er die SalKom®-Methode kontinuierlich weiterentwickelt und auf den heutigen Stand gebracht. Für uns ist er ein Pionier auf seinem Gebiet. Die Verbreitung der Salutogenese wurde und wird auch in Zukunft stark durch ihn geprägt sein. Herr Petzold steht uns vorbildhaft zur Seite, unterstützt uns fachlich und in unserer Selbstregulation und begegnet uns in einer wohlwollenden und wertschätzenden Haltung. Dafür sind wir sehr dankbar.
Wie sehen wir stimmiges Leben?
Hier eine Sendung über die Weiterentwicklung der Salutogenese nach Aaron Antonovsky
Kooperationsfeld-Modell
Eine feldtheoretische Erweiterung salutogenetischer Prozessmodelle
Kooperationsfeld-Modell
Das Kooperationsfeld-Modell versteht sich als konzeptionelle Weiterführung salutogenetischer Ansätze und baut insbesondere auf Arbeiten zur Stimmigkeitsregulation, Kohärenz und den Grundfähigkeiten menschlichen Handelns auf. Es erweitert diese Perspektive um eine explizit feldtheoretische Sicht auf zwischenmenschliche Prozesse.
Der Feldbegriff wird hier nicht physikalisch verwendet, sondern als relationale Beschreibungseinheit für emergente Wechselwirkungsprozesse zwischen Menschen. Er bezeichnet keinen materiellen Raum, sondern ein dynamisches Beziehungsgeschehen.
Im Zentrum steht die Annahme, dass Kooperation nicht primär als Gegenpol zu Dysfunktion verstanden werden muss, sondern als grundlegender, sich selbst organisierender Prozess relationalen Geschehens. Kooperation erscheint dabei nicht als zu erzeugender Zustand, sondern als dynamische Feldqualität, die sich im Zwischenraum zwischen Personen fortlaufend konfiguriert. Stimmigkeit wird dabei nicht nur als individuelle Prozessleistung verstanden, sondern als emergente Qualität im gemeinsamen Kooperationsfeld zwischen Menschen.
Das Individuum ist weder ohnmächtiger Spielball des Feldes noch autonomer Außensteuerer des Feldes, sondern teilnehmendes Subjekt innerhalb rekursiver Beziehungsgestaltung.
In diesem Sinne verschiebt sich der Fokus von einer primär intrapsychischen hin zu einer interaktionellen Perspektive von Stimmigkeit: Kohärenz entsteht nicht ausschließlich im Individuum, sondern im resonanten Beziehungsgeschehen.
Damit ergeben sich Fragen wie:
- Wie entsteht Stimmigkeit im Zwischenraum von Menschen?
- Wie organisiert sich Kooperation als Feldprozess?
- Wie können Menschen ihre Position im Feld bewusst mitgestalten?
Das Modell wurde im Kreis von SalKom®-KollegInnen vorgestellt und führte dort zu fachlichen Diskussionen sowie differenzierten Rückmeldungen hinsichtlich seiner theoretischen Anschlussfähigkeit und potenziellen Praxisrelevanz im salutogenen Kontext. Es versteht sich damit als dialogisch entandener Beitrag innerhalb eines offenen salutogenetischen Forschungs- und Praxisfeldes.
Grundannahme
Das Kooperationsfeld-Modell geht von der Annahme aus, dass jeder Mensch nach einem stimmigen, sinnerfüllten Leben strebt und dabei stets Teil größerer Beziehungszusammenhänge ist, die er durch sein Wahrnehmen, Handeln und Sein mitgestaltet.
Kooperation wird in diesem Modell nicht als Gegenpol zu Dysfunktion verstanden, sondern als grundlegender, sich selbst organisierender Prozess relationalen Geschehens.
Beziehung als Feld
Beziehung entsteht nicht ausschließlich im Individuum, sondern im Zwischenraum von Menschen.
Das Kooperationsfeld bildet sich aus der fortlaufenden Wechselwirkung von:
- Wahrnehmung
- Erfahrung und biografischer Geschichte
- Werten und Haltungen
- Vertrauensformen
- situativem Handeln
Kooperation erscheint damit nicht als herzustellender Zustand, sondern als dynamische Feldqualität, die sich kontinuierlich neu organisiert.
Kernlogik des Kooperationsfeldes
Das Kooperationsfeld beschreibt ein sich selbst organisierendes Beziehungsgeschehen, das aus der fortlaufenden Wechselwirkung von Menschen entsteht.
Es konstituiert sich durch das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Erfahrung, Werten, Vertrauen und Handlung in einem gemeinsamen Kontext.
Kooperation ist dabei kein Zielzustand, sondern eine dynamische Qualität, die sich fortlaufend in Kooperationskonfigurationen organisiert – also in unterschiedlichen Mustern des Miteinanders.
Diese Dynamik zeigt sich in grundlegenden Bewegungsqualitäten: Gestalten, Empfangen und Begleiten.
Zentrale Bedeutung hat die Fähigkeit zur feldbewussten Re-Orientierung – die Möglichkeit, innezuhalten, das eigene Involviertsein wahrzunehmen und Kooperation bewusst neu auszurichten.
Das Kooperationsfeld folgt dabei einem inneren Kohärenzstreben und kann als sinnbezogener Beziehungsraum verstanden werden, in dem Verbundenheit und individuelle Freiheit gleichzeitig wirksam sind.
Kooperationskonfigurationen (Feldebene)
Kooperationsfelder organisieren sich in unterschiedlichen Mustern des Miteinanders:
- offen (flexibel, anschlussfähig)
- verengt (stabilisiert, wiederholend)
Verengungen können Schutz und Orientierung geben.
Werden sie jedoch dauerhaft stabil, begrenzen sie die Entwicklungsfähigkeit des Feldes.
Kooperationsfähigkeiten (individuelle Ebene)
Menschen bringen unterschiedliche Fähigkeiten in das Feld ein, die Kooperation ermöglichen:
- differenzierte Wahrnehmung
- Kontextsensibilität
- Mehrperspektivität
- Regulationsfähigkeit
- Reflexionsfähigkeit
Diese Fähigkeiten ermöglichen es, das Feld nicht nur zu erleben, sondern auch bewusst mitzugestalten.
Zentrale Prozessdimensionen
Die Dynamik des Kooperationsfeldes zeigt sich in drei grundlegenden Bewegungsqualitäten:
- Gestalten – Impulse einbringen, initiieren, strukturieren
- Empfangen – wahrnehmen, aufnehmen, wirken lassen
- Begleiten – verbinden, ausgleichen, vermitteln, regulieren
Diese sind keine festen Rollen, sondern bewegliche Ausdrucksformen im Feld.
Feldbewusste Re-Orientierung
Eine zentrale Kompetenz im Modell ist die Fähigkeit zur Re-Orientierung:
innehalten – wahrnehmen – neu ausrichten
Sie ermöglicht es, aus festgefahrenen Mustern auszusteigen und neue Formen der Kooperation entstehen zu lassen.
Vertrauen als Grundqualität
Das Kooperationsfeld wird von einer grundlegenden Vertrauensqualität getragen, die seine Selbstorganisation ermöglicht.
Vertrauen entwickelt sich dabei nicht einheitlich, sondern zeigt sich in unterschiedlichen, aufeinander bezogenen Formen:
- Blindes Vertrauen
Eine ursprüngliche, kindliche Form von Vertrauen. Sie ist unmittelbar, offen und notwendig für Entwicklung, jedoch noch nicht differenziert oder reflektiert. - Sehendes Vertrauen
Eine gereifte Form von Vertrauen, die auf Erfahrung, Wahrnehmung und Unterscheidungsfähigkeit beruht. Sie ermöglicht es, Situationen bewusst einzuschätzen und sich zugleich verbunden zu fühlen. - Intuitives Vertrauen
Eine weiterentwickelte, oft sehr feine Form von Vertrauen.
Sie zeigt sich als unmittelbare innere Gewissheit oder stimmiger Impuls, dem ein Mensch folgen kann, ohne ihn vollständig kognitiv begründen zu müssen.Dieses Vertrauen ist nicht blind, sondern beruht auf verkörperter Erfahrung, innerer Stimmigkeit und einer tiefen Verbindung zum eigenen Wahrnehmen. Es beinhaltet Vernunft, ohne primär über bewusstes Nachdenken gesteuert zu sein.
Einordnung im Kooperationsfeld
Diese Vertrauensformen wirken im Kooperationsfeld zusammen:
- Sie beeinflussen, wie Menschen sich einbringen (Gestalten)
- wie sie wahrnehmen (Empfangen)
- und wie sie Verbindung halten (Begleiten)
Intuitives und sehendes Vertrauen ermöglichen dabei eine zunehmend differenzierte und zugleich unmittelbare Teilnahme am Feldgeschehen.
Entwicklungslogik
Kooperationsfelder folgen einem inneren Streben nach Kohärenz.
Entwicklung entsteht dort, wo Wechselwirkungen beweglich bleiben und sich neu organisieren können.
Auch evolutionär zeigt sich, dass zunehmende Komplexität vor allem aus kooperativen Wechselwirkungen hervorgeht.
Schutz und Grenze
Schutzreaktionen wie Rückzug, Abgrenzung oder Verteidigung sind Teil des Feldes und sichern Überleben.
Werden sie jedoch dauerhaft, können sie die kooperative Entwicklung begrenzen.
Anwendungsfelder
Das Modell ist anschlussfähig für:
- Therapie und Beratung
- Pädagogik
- Coaching und Organisation
- Forschung
Es ermöglicht, Beziehung nicht nur individuell, sondern als gemeinsames Feldgeschehen zu verstehen und zu gestalten.
Abschluss
Kooperation zeigt sich als ein lebendiger Prozess im Zwischenraum von Menschen –
nicht statisch, sondern fortlaufend in Bewegung und in jeder Situation neu erfahrbar und gestaltbar.
Mini-Glossar
Kooperationsfeld
Der Raum zwischen Menschen, in dem Beziehung entsteht und sich verändert
Kooperationskonfiguration
Ein Muster, wie Menschen gerade miteinander in Beziehung sind
Gestalten
Ich bringe etwas aktiv ins Miteinander ein
Empfangen
Ich nehme wahr, was geschieht, ohne sofort zu reagieren
Begleiten
Ich halte Verbindung und unterstütze das gemeinsame Geschehen
Re-Orientierung
Ich halte kurz inne und entscheide bewusst, wie ich mich einbringen möchte




